Laut der aktuellen HDI-Berufestudie arbeiten 59 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland nur noch oder hauptsächlich des Geldes wegen. Vor einem Jahr waren es 17 Prozentpunkte weniger. Bei den 55- bis 64-Jährigen würden zwei Drittel sofort aufhören, wenn das Gehalt nicht nötig wäre. Gleichzeitig plant die Bundesregierung die Abschaffung der „Rente mit 63“. Viele müssen also länger arbeiten, als sie wollen.
Patrick Heyn, unabhängiger Versicherungsmakler aus Melle, sieht darin ein Planungsproblem: „Wer heute mit 55 merkt, dass er nicht mehr kann, aber noch zwölf Jahre vor sich hat, hat die wichtigste Entscheidung meist Jahrzehnte früher verpasst. Vorsorge entscheidet darüber, ob ich meinen Ausstieg selbst bestimme oder ob er mir vorgegeben wird.“
Was früh beginnen konkret bewirkt
- Zeit ist der größte Hebel. Ein Sparbetrag, der mit 30 startet, muss deutlich niedriger sein als derselbe Zielbetrag mit Start ab 50. Der Zinseszinseffekt arbeitet nur, wenn er Jahre hat.
- Die gesetzliche Rente allein wird für viele nicht ausreichen. Die Lücke zwischen letztem Nettoeinkommen und Rentenanspruch sollte einmal konkret berechnet werden, nicht geschätzt.
- Vorsorge besteht aus mehreren Bausteinen: gesetzliche Rente, betriebliche Altersversorgung, private Vorsorge, Absicherung der Arbeitskraft. Wer einen Baustein ausblendet, plant lückenhaft.
- Eine Standortbestimmung kostet wenig und lässt sich in jedem Alter machen. Je früher, desto mehr Optionen bleiben.
Vorsorge als Kündigungsfreiheit
Die Studie misst, wie viele Menschen kündigen würden, wenn sie könnten. Das ist im Kern eine Frage nach finanzieller Unabhängigkeit. „Ich betrachte Altersvorsorge nicht als Rentenprojekt für später, sondern als Freiheitskapital für heute“, so Heyn. „Wer finanziell nicht auf ein bestimmtes Gehalt angewiesen ist, verhandelt anders, wechselt mutiger, kann Teilzeit oder eine Auszeit wählen und geht nicht aus Zwang, sondern aus Überzeugung zur Arbeit. Ein gut aufgebautes Polster senkt damit auch die Unlust im Job, weil aus ‚ich muss‘ ein ‚ich entscheide‘ wird.“
Die Umfrage zeigt zudem: 38 Prozent der Befragten halten Finanz- und Steuerberater für durch KI gefährdet. Für Heyn ist das kein Widerspruch: „Rechnen kann eine Maschine. Die Frage, was jemand aus seinem Leben machen will und welche Kompromisse er dafür eingeht, muss im Gespräch geklärt werden.“
Empfehlung
Eine Vorsorge-Standortbestimmung umfasst drei Schritte: Rentenlücke berechnen, bestehende Verträge prüfen, einen realistischen Sparbetrag festlegen. Das gilt für 25-Jährige genauso wie für 55-Jährige.